Freitag, 10. September 2010

Die erste Woche

Eine Woche ist nun schon vergangen, seit ich gefühlte fünf Meter über den Hausdächern Quitos gelandet bin. Viel ist seither passiert, es wird Zeit für eine erste Bilanz:

Wie ist Quito?

Vor allem zwei Adjektive beschreiben Quito: Hoch und lang.
Auf 2800 m über dem Meeresspiegel gelegen, ist Quito höchste Hauptstadt der Welt. An den ersten paar Tagen hat sich die Höhe extrem bemerkbar gemacht. Nach etwas Treppensteigen oder schneller einen der vielen Hügel hochgehen, konnte ich zum ersten Mal nachvollziehen, wie es als Kettenraucher sein muss. Nicht umsonst gewinnt die ecuadorianische Nationalmannschaft regelmäßig gegen stärkere Gegner zu Hause, den Brasilianern oder Argentiniern geht spätestens nach 70 Minuten die Luft aus.
Quito ist aber nicht nur eine der höchsten Großstädte der Welt, sie ist auch gemessen an nur zwei Millionen Einwohnern eine der längsten Städte der Welt. Umgeben von Bergen ist sie selten breiter als drei Kilometer, zieht sich aber über 30 Kilometer durch ein Tal. Und die Einteilung ist sehr klar, im Norden leben die Reichen, im Zentrum die Mittelschicht und im Süden die Armen. Die einzige Ausnahme der Einteilung ist der Mariscal oder „Gringolandia“, ein Teil des Stadtzentrums, wo sich Hostels und Bars aneinanderreihen.

Wie ist die Uni?

Reich und schön. So arm kommt man sich wohl sonst nur in einem Münchner BWL-Kurs vor. Mit 4000 Dollar Studiengebühren pro Semester können an der Universidad San Francisco de Quito nur die Reichsten der reichen Ecuadorianer studieren. Dafür ist das Studienangebot und die Universität großartig.
Direkt am ersten Wochenende ging es mit den anderen Austauschstudenten zu einem Welcome-Trip in eine Hacienda in die Berge. Es war ein wenig wie Springbreak in den Anden, aber auf jeden Fall alles wovon einem Mediziner am ersten Wochenende im Hochgebirge abraten würden: Noch höher fahren, bewegungsintensive Trinkspiele und daraus resultierend frühmorgens viel Alkohol.
Ich belege den Kurs "Temas de Latinoamérica" und wenn ich gerade folgen kann, ist es sehr interessant, Diskussionen über die lateinamerikanische Politik aus einer anderen Perspektive zu hören.

Wie wohne ich?

Ich wohne zur Untermiete bei einer sehr netten 29-jährigen Ecuadorianerin, die in einem Outdoor-Reisebüro arbeitet. Die Wohnung liegt in einer „Gated Community“ im Norden Quitos. Zu meiner großen Beruhigung war der einzige Zeitpunkt, an dem das Tor nicht verschlossen und kein Wächter zu sehen war, als ich letzte Woche um ein Uhr nachts angekommen bin.

Wie ist das Wetter in Quito?

Unterschiedlich. Da Quito nur fünfzig Kilometer südlich des Äquators liegt, gibt es kaum Jahreszeiten. Durch die Höhe schwanken die Temperaturen aber im Tagesverlauf deutlich. So gehen die Temperaturen nachts teilweise auf sieben Grad herunter, während es tagsüber zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Grad werden können. Für jemanden, der so latinomäßig veranlagt ist wie ich, bedeuten die angenehmen Temperaturen tagsüber allerdings eine große Gefahr: Nur weil sich die Sonne auf knapp 3000 Meter nicht warm anfühlt, heißt das noch lange nicht, dass man sich nicht einen guten Sonnenbrand einfangen kann.

Wie bewegt man sich in Quito fort?

Der öffentliche Nahverkehr ist im Verhältnis zu dem, was ich aus Mittelamerika kenne, sehr gut ausgebaut. Drei Metrobusse fahren auf Extraspuren sehr zügig die wichtigsten Hauptverkehrsstraßen ab. Die Extraspuren werden dementsprechend auch gerne von Joggern, Radfahrern und Polizeieinsatzfahrzeugen genutzt, was in Kombination mit den Bussen zu spektakulären Manövern führt. Ich habe bisher höchstens einige Minuten auf den Bus warten müssen und jede Busfahrt, auch die zur in einem Vorort gelegenen Uni, kostet 25 Cent. Etwas komplizierter wird es, wenn man nicht zu einem der Haltestellen der Metrobusse möchte, aber entweder helfen einem die sehr freundlichen Ecuadorianer oder man fährt mit einem der sehr günstigen Taxis.

Wie sicher ist Quito?

Dazu kann ich sicher erst etwas sagen, wenn ich etwas länger hier bin. Aber der erste Eindruck ist sehr gut. In den Bussen darf man seinen Rucksack natürlich nicht aus den Augen lassen und nachts sollte man ein Taxi nehmen, aber momentan fühle ich mich hier wesentlich sicherer als in den meisten lateinamerikanischen Ländern, die ich kenne.

Die Erkenntnisse der ersten Woche:

- nur weil die Sonne nicht warm ist, heißt das nicht, dass sie nicht brennt
- Fußball spielt sich auf 2800 Metern etwas anders als in München
- ein Jetlag kann durchaus praktisch sein, wenn man mit seiner Magisterarbeit vorwärts kommen will
- Ecua-Volleyball sieht ein bisschen aus wie Sport für Spätentwickler
- das wahrscheinlich Lebensgefährlichste in Quito ist, eine Straße zu überqueren
- nur weil man eine genaue Adresse hat, heißt das noch lange nicht, dass man dort einfach hinkommt
- Behördengänge verzögern sich gerne mal durch falsche Adressen oder willkürliche Mittagspausen
- Almuerzos (günstige Mittagsmenüs) sind zwar eine sehr praktische Angelegenheit, aber jeden Tag Reis muss dann doch nicht sein
- was die Leute von ihrem linken Präsidenten Correa halten, hängt stark vom Geldbeutel ab
- dafür sind die Ecuadorianer, unabhängig von ihrem Geldbeutel, ein sehr nettes und hilfsbereites Volk

Fürs Erste soll es das gewesen sein.
In der nächsten Woche werde ich wohl zum ersten Mal das Nachtleben erkunden, mit einer ecuadorianischen Zufallsbekanntschaft den Süden Quitos anschauen und zum ersten Mal das Fußballsozialprojekt besuchen, in dem ich in den nächsten Monaten Englisch- und Computerunterricht geben werde.

Entonces, hasta la próxima!

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