Samstag, 25. Dezember 2010

Zeit der Abschiede


Obwohl es noch fünf Wochen sind, könnte dies mein letzter Blogeintrag sein. Die nächsten fünf Wochen werde ich hauptsächlich auf Reisen sein, so dass meine Zeit als Einwohner Quitos zu Ende geht. Falls ich zwischen den Reisen Zeit finde, werde ich vielleicht doch noch einmal einen Eintrag verfassen. Aber zunächst wird es Zeit Bilanz zu ziehen.

Die letzten beiden Wochen waren vor allem von Abschieden geprägt. Mittlerweile bin ich einer der letzten verbliebenen Gringos. Vergangene Woche war ich zum letzten Mal als Lehrer in Baeza. Außerdem stand das letzte Vorrundenspiel des Dorfturniers an. Gegen die Polizei gingen wir als krasse Außenseiter in die Partie. Da Polizisten in Ecuador überdurchschnittlich gut bezahlt werden, wollen fast alle Jugendlichen zur Polizei. Und so bestand das gegnerische Team aus athletischen, für ecuadorianische Verhältnisse groß gewachsenen Spielern. Dementsprechend hatten sie bis dahin auch alle Spiele gewonnen. Wir kamen allerdings sehr gut ins Spiel und gingen dann auch in Führung. Diese konnten wir bis zur Mitte der zweiten Halbzeit auf 5:1 ausbauen. Da es danach allerdings mit der defensiven Disziplin dahin war, stand es bereits drei Minuten später 5:4. In der letzten Sekunde bekamen wir die Quittung für unsere Dummheit und kassierten den 5:5 Ausgleich, der gleichzeitig unser Ausscheiden bedeutete.

Der anschließende Unterricht war dafür toll, denn nach drei Monaten gemeinsamer Arbeit haben meine Schüler tatsächlich enorme Fortschritte gemacht. Da sie noch vier Monate Unterricht vor sich haben, bin ich überzeugt, dass einige anschließend sehr gut englisch sprechen werden.

Am 23.12. war ich zum Weihnachtsessen eingeladen. Ein toller Anlass, um mich von meinen Schülern zu verabschieden. Das Essen war eine förmliche Angelegenheit mit Anzug und Abendkleid. So musste jeder zunächst einmal in der Mitte des Raumes sein Outfit präsentieren. Im Anschluss wurde gewichtelt: Jeder Schüler musste die zu beschenkende Person beschreiben und die Gruppe erriet dann, für wen das Geschenk war. Auch ich bekam ein Geschenk und vor allem viele nette Worte des Dankes. Die Förmlichkeit der Kleidung hielt uns danach nicht davon ab, Weihnachten bis zum Morgengrauen mit unglaublichen Mengen Alkohol zu begrüßen. Während Familien in Deutschland friedlich unterm Weihnachtsbaum saßen, quälte ich mich im Bus ohne Sitzplatz zurück nach Quito. Aber für den traumhaften Abschluss, war es das wert.

Was nehme ich also aus meiner Zeit in Ecuador mit?

Zunächst einmal glücklicher- und vielleicht auch überraschenderweise über 80 Seiten Magisterarbeit.

Zweitens, unglaublich viele neue Freunde mit den unterschiedlichsten Hintergründen: Reiche Ecuadorianer, arme Ecuadorianer, US-Amerikaner, Mexikaner, Singapurer, Israelis. Mit allen hatte ich nicht nur eine Menge Spaß, sondern habe auch eine Menge über sie und ihre Kultur kennengelernt. Vor allem meine Schüler haben mir mit ihrem Enthusiasmus und Liebenswürdigkeit mehr über die ecuadorianische Gesellschaft beigebracht, als ich jemals aus Büchern oder Zeitungen erfahren könnte.

Drittens, eine unfassbare Vielzahl von spannenden Erlebnissen. Da ich alle schon einmal beschrieben habe, hier nur noch einmal in Kurzfassung:
-       - Billardspielen, ein Gemeindehallenfest, Privatfeiern in Bauruinen im Armenviertel „Lucha de los pobres“
-       - ein Dorffest mit einem der größten Fußballstars Ecuador
-      -  unglaublich viele Orte und Menschen als Lehrer und Gast des Programms „A Ganar“ kennengelernt
-       - ein Radio-Interview auf spanisch
-       - ein abergläubisches Straßenfest, mit dem Lieblingsspiel „Füllen wir den Gringo ab“
-       - ein Polizeistreik, eine vermeintliche Präsidentenentführung und ein Ausnahmezustand
-       - eine Wasserfallrutsche
-       - Unabhängigkeitsfeier in Guayaquil
-       - ein Singapur-Chinese, der bei einer Ecuador-Chinesin unglaublich gutes asiatisches Essen bestellte
-       - unglaublich viele traumhafte Landschaften
-       - durchgehend feiernde Ecuadorianer am Strand während der Ferien zu Allerheiligen
-       - seltsame blaufüßige Vögel auf einer Steininsel
-       - in der Verlassenheit des Regenwaldes Affen, Tapire, Kaimane, Delfine und eine unglaubliche Menge Krabbelzeug gesehen
-       - dabei einen „Ninja-Guide“ kennengelernt, der Fliegen aus der Luft fangen kann
-       - viel Zeit in allen möglichen Verkehrsmitteln verbracht und dabei immer wieder nette Bekanntschaften gemacht
-       - Kentern im Kayak
-       - ein Dorffest mit Schülern und Gringos
-       - Klettern auf 4800 Meter
-       - Fußballspielen auf 2800 Metern und dumm beim Dorfturnier ausgeschieden
-       - Hausarrest und Alkoholverbot während der Volkszählung
-       - das ecuadorianische Fußball-Finale mit den Ultra-Fans
-       - Ausnahmezustand der anderen Art bei den Fiestas de Quito
-       - Calle 13 und The Wailers live
-       - Campen an einem einsamen Wasserfall

Ich hoffe, das Lesen hat ähnlich viel Spaß gemacht, wie das Erleben!

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr!

Freitag, 10. Dezember 2010

In Quito, um Quito und um Quito herum

Obwohl ich die vergangenen beiden Wochen hauptsächlich in und um Quito verbracht habe war es mit die turbulenteste Zeit meines Aufenthaltes.

Der Berg ruft


Zunächst machte ich mich gemeinsam mit meinem singapurischen Freund an den Versuch den Hausvulkan Quitos, Rucu Pichincha, zu besteigen. Dafür fuhren wir zunächst mit der Seilbahn von 2800 auf 4100 Meter. Vom Endpunkt des Teleferico sollte wir dann in einer dreistündigen Wanderung zum Gipfel auf 4700 Metern gelangen. Zunächst ging es relativ ebenerdig entlang des andinen Grashochlandes. Auch wenn das Wetter nicht komplett perfekt war, hatten wir doch Glück und es boten sich zwischenzeitlich traumhafte Ausblicke auf Quito und die umliegenden Vulkane.

Nach einer Stunde endete der Pfad und wir mussten uns durch das Gras schlagen. Jetzt machte es sich bemerkbar, dass Daniel zwar sehr viel Zeit im Fitnessstudio verbringt, Gewichte stemmen aber nicht unbedingt das beste Konditionstraining ist. Auch mir viel das Wandern wegen der extrem dünnen Luft zunehmend schwerer, aber dank des regelmäßigen Fußballspielens in der Höhenluft, hatte ich eher weniger Probleme und übernahm nach und nach immer mehr von Daniels Gepäck.





Kurz vor dem Gipfel mussten wir dann wirklich klettern und erreichten unser Ziel nach insgesamt vier Stunden.








Das verquetschte Sandwich aus meinem Rucksack war nach der Anstrengung eine der besten Mahlzeiten unseres Lebens.






Auf dem Rückweg setzte dann Hagel ein. Aber wirklich verschlimmerte sich unsere Situation als sich Daniel den Knöchel verstauchte, so dass ich ihn einen Großteil des Weges nach unten stützen musste, was angesichts der Tatsache, dass er durch das Gewichtheben nicht zur Sorte zierlicher Chinesen gehört und wir uns immer noch abseits des Pfades befanden, nicht sehr einfach war. Während wir uns nach unten quälten zog auch noch Nebel auf, so dass wir uns nur noch, wenn der Nebel sich kurz lichtete, an der weit entfernten Kapelle des Teleferico orientieren konnten. Aber auch dieser sehr kräftezehrende und teilweise beängstigende Teil der Tour ging vorbei und um vier Uhr waren wir nach insgesamt sieben Stunden durchnässt aber glücklich zurück an der Seilbahnstation. Im Anschluss erfuhr ich von meiner Mitbewohnerin, die Bergführerin ist, dass es einen Pfad bis zum Gipfel gibt und wir uns nicht durch das Gras hätten quälen müssen. Beim zweiten Mal ist man immer schlauer.

Eingesperrtes Volk

Der nächste Tag begann mit Hausarrest. Aufgrund einer Volkszählung, die alle zehn Jahre stattfindet, herrschte am Sonntag von sieben bis fünf Uhr in allen urbanen Zentren Ausgangssperre und Reiseverbot. Zudem trat von Samstag 0 Uhr bis Sonntag 0 Uhr das „Ley Seca“, das trockene Gesetz in Kraft, das ein absolutes Alkoholverbot zur Folge hatte. Meine Mitbewohnerin ließ sich in Riobamba registrieren, so dass ich mich als alleiniger Bewohner des Vier-Zimmer-Appartments ausgeben sollte. Um 7.30 Uhr standen drei zwischen 14 und 16 Jahre alte Schülerinnen in meiner Tür, denen deutlich anzumerken war, dass ich ihr erstes Interviewpartner des Tages war. Ansonsten hätten sie mich wohl eher nicht gefragt, ob ich in an einer Straße, einer Autobahn, im Wald oder entlang eines Flusses wohne; oder ob ich elektrisches Licht und fließendes Wasser habe. Dinge die in weiten Teilen Ecuadors legitime Fragen darstellen, aber eher nicht im Norden Quitos. Bei einigen Fragen hatte ich dann doch Probleme, mich als legitimer alleiniger Bewohner der Wohnung auszugeben. Denn ich wusste nicht wirklich, wie viele Lampen ich besitze und wie viel wir im vergangenen Monat für Wasser und Strom bezahlt haben.

Nachdem ich meine Bürgerpflicht erledigt hatte, verbrachte ich einen relativ entspannten Tag und wagte mich später noch auf die verlassenen Straßen Quitos. Dort war tatsächlich nur die Polizei und das Militär unterwegs, um Menschen wie mich wieder nach Hause zu schicken. Ein sehr gespenstisches Bild, das etwas von einem Endzeit-Hollywood-Film hatte. Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen von knapp über 1000 Festnahmen. Davon hatten 950 gegen das Alkoholverbot und 100 gegen die Ausgangssperre verstoßen.



Die darauffolgende Woche kasernierte ich mich in meinem Zimmer ein, um endlich einmal mit meiner Magisterarbeit voranzukommen, bevor am Wochenende die Fiestas de Quito anstanden.

Eine Stadt feiert sich selbst
Während der Fiestas de Quito feiern die Bewohner ein verlängertes Wochenende lang die Gründung ihrer Stadt am 6.Dezember. Dazu gehören Stierkämpfe, Paraden und sehr viel Alkohol.Eine der Traditionen ist die Fahrt in und auf einem offenen Bus mit Blaskapellen, dem sogenannten Chiva. Nach einer Chiva-Fahrt mit einigen Canelazos, einem Zimt-Orangen-Punsch mit Zuckerrohrschnaps, machte ich mich mit Freunden auf den Weg in den Mariscal.


Das Vergnügungsviertel war vollkommen überlaufen und wurde von Militärs mit Schrotflinten und Maschinengewehren bewacht. Die Fiestas de Quito sind eine Hochzeit für Kriminelle und außerdem sterben jedes Jahr zwischen 20 und 60 Menschen bei Verkehrsunfällen. Den Rest des Abends verbrachten wir nicht in Gringolandia, sondern auf einer Stadtviertel-Feier.

Am nächsten Tag besuchte ich mit 40.000 anderen das kostenlose Festival „Feria de Quitumbe“, wo die bekannteste Hiphop-Gruppe Lateinamerikas, „Calle 13“ aus Puerto Rico, spielte. Der sowieso immer überfüllte Trole-Bus glich an diesem Abend der Tokioter U-Bahn, so dass wir uns einen Platz in der Sardinenbüchse erzwingen mussten.
Am Sonntagmorgen wachte ich relativ früh auf und wollte mir eigentlich einen gemütlichen Morgen machen, ehe die Feiern am Nachmittag ihrem Höhepunkt entgegen steuerten. Dieser Plan änderte sich allerdings als ich meiner Nachbarin über den Weg lief, die aufgrund ihres Trikots offensichtlich auf dem Weg zum Finale der ecuadorianischen Liga zwischen Liga de Quito und Emelec Guayaquil war. Die Tatsache, dass sie noch Platz im Auto und eine Karte übrig hatte, sah ich als Wink des Schicksals. Ich rief einen deutschen Freund an, von dem ich wusste, dass er mit einigen Freunden zum Spiel gehen würde. Da sie bereits häufiger bei den Spielen waren und Exotenstatus genossen, hatten sie sich mit den Ultra-Fans des Clubs angefreundet. So verbrachte ich meinen Sonntagmorgen hüpfend, singend und schreiend neben der größten Trommel im Stadion und den „Dinosaurios“. Sie sind die absolute Autorität im Block, die bei mehreren Schlägereien dazwischen gingen und zur Ordnung aufriefen, wenn jemand Flaschen statt Klopapierrollen auf den gegnerischen Torhüter warf. Das Spiel wurde 2:0 gewonnen, so dass die Chancen für das Rückspiel am kommenden Sonntag und die nächste rauschende Feier in Quito hoch sind. Im Anschluss an das Spiel ersparten wir uns die nervige Taxifahrt im Stau und bestiegen stattdessen einen Chiva, der uns zwar nicht schneller, aber günstiger und mit Musik und Alkohol in die Stadt zurückbrachte. Im Parque La Carolina wurde ich dann von einem Transvestiten-Clown in ein Straßentheater verwickelt. Den restlichen Nachmittag und Abend verbrachte ich mit neu gefundenen ecuadorianischen und kolumbianischen Freunden in einer Bar und auf einer privaten Feier in einer Gated Community. Die Nacht endete allerdings nicht dort und so fand ich mich im absoluten Norden Quitos in der Nähe des Stadions auf einer Straßenparty wieder. Da in dieser Gegend um diese Uhrzeit keine Chance auf ein Taxi besteht, stoppte ich das erste Auto, das vorbeikam, und ließ mich für meine letzten fünf Euro von einem Trabi nach Hause fahren. Bevor ich zu Hause ankam wurde ich noch Zeuge eines offensichtlich kurz zuvor geschehenen Verkehrsunfalls. Ein Motorrad war offensichtlich bei einem Abbiegeversuch mit einem Auto kollidiert. Der Boden war bedeckt mit Wrackteilen des Motorrads und der Fahrer und seine Freundin lagen blutüberströmt zehn Meter voneinander entfernt auf dem Boden, waren aber bei Bewusstsein. Da bereits genügend Hilfe und Schaulustige vor Ort waren, machte ich mich auf den Weg nach Hause und kann nur hoffen, dass den beiden nichts Schlimmeres passiert ist.



Etwas angeschlagen quetschte ich mich am nächsten Morgen in den Trole-Bus auf den Weg zum The-Wailers-Konzert im Süden. Auch wenn ich mir sicher bin, dass die Hölle ein Trole-Bus mit Kater ist, war die Tatsache „Redemption Song“ und „Three Little Birds“ live zu hören, die Qual absolut wert. Damit endete auch eines der verrücktesten Wochenenden meines Lebens.







Lehrer sind nicht immer die besten Vorbilder

Am Dienstag fuhr ich zum nächsten Spiel des Dorfturniers und zum Unterrichten nach Baeza. Nachdem wir bereits in der fünften Minute den Englischlehrer David wegen einer Tätlichkeit verloren hatten und direkt im Anschluss das 1: 0 und 2:0 kassierten, rannten wir das komplette Spiel an, nutzten unsere Chancen allerdings nicht, liefen immer wieder in Konter und verschossen einen Elfmeter. Nachdem ich selbst eine unserer besten Chancen vergeben hatte, fluchte ich doch etwas sehr ecuadorianisch über mich selbst und wäre beinahe vom Platz geflogen. Am Ende verloren wir 5:2. Da das andere Team allerdings einige nicht spielberechtige Spieler einsetzte, wurden das Spiel annulliert und somit haben wir noch alle Chancen in die nächste Runde zu kommen.

Bei den Konversationsübungen mit meinen Schülern freute ich mich sehr, einen deutlichen Fortschritt zu beobachten. Selbst die schlechtesten können sich einigermaßen ausdrücken und mit den Besten kann ich mich mittlerweile über einfache Dinge normal unterhalten, was in Ecuador eine Menge ist. Außerdem wurde ich zum „Cena de Navidad“, dem „Weihnachtsabendessen“ am 23.Dezember eingeladen. Eine schöne Gelegenheit für das vermutlich letzte Treffen mit meinen Schülern.

In der kommende Woche werde ich wieder zum Unterrichten und zum schweren Spiel gegen die Polizei nach Baeza fahren und die letzte Woche mit den amerikanischen und singapurischen Austauschstudenten genießen, ehe meine Familie zu Weihnachten eintrifft.

Entonces hasta la próxima!

Erkenntnisse der 13. und 14. Woche:

- ain´t no mountain high enough
- die Luft ist dünn an der Spitze
- Gewichtheben ist nicht konditionsfördernd
- der Geschmack von Sandwiches ist relativ
- das nächste Mal nehme ich den Pfad nach oben
- um Ecuadorianer zu zählen muss man sie einsperren und trockenlegen
- zu Hause schreibt sich eine Magisterarbeit erfolgreicher
- überfüllte Verkehrsmittel sind relativ
- Taxis sind bessers als Trole-Busse
- Chivas sind besser als Taxis
- Ultras sind überall auf der Welt gleich
- eso es una fiesta de locos
- Lehrer sind nicht immer die besten Vorbilder
- meine Schüler machen Fortschritte

Freitag, 26. November 2010

Von Bussen und Gastfreundschaft

Über die Hälfte meiner Zeit in Lateinamerika ist nun vorbei. In den vergangenen beiden Wochen war ich wieder viel unterwegs, so dass ich momentan froh bin, mal wieder mehrere Tage am Stück in Quito zu sein.


Zunächst hatte ich aber als Ausgleich für die viele Reiserei ein Arbeitswochenende eingelegt. Am Sonntag ging ich trotzdem zum Quitofest, einem kostenlosen Festival mit traumhaften Blick über Quito. Da das Festival vor allem zu Zwecken der sozialen Erziehung diente, gab es keinen Alkohol. Was ein schwäbischer Zivi zu den Worten veranlasste „Was isch´n des für a scheiß Feschdival und mei Zigaredde hen se mir au abgnomme!“ Woraufhin er gemeinsam mit einem anderen deutschen Freund das Festival verließ.
Am nächsten Tag brach ich in den Nordwesten der Region Pichincha auf, um dort Englisch-Intensivkurse zu geben. Von der Universität in Cumbaya musste ich drei verschiedene Busse nehmen und brauchte knapp drei Stunden, um im Norden den Bus nach Nanegalito nehmen zu können. Dort traf ich mich mit dem dortigen Programmkoordinator. Ruben ist 19, ein ehemaliger Absolvent des Programms „A Ganar“, studiert Tourismus in Quito und hat einen einjährigen Sohn. 


Die Klasse bestand aus nur fünf Schülern, die bisher nur in der Schule und bei einem 30-stündigen Schnellkurs englisch gelernt hatten. So waren meine Möglichkeiten in den fünf Stunden, die ich montags und dienstags mit ihnen hatte, eher beschränkt. Vor allem die Englischfähigkeiten derjenigen, die selbst in der Grundschule oder unteren Klassen in weiterführenden Schulen unterrichten sprechen ein deutliches Bild für das allgemein niedrige Niveau der Englischkenntnisse.

Untergebracht war ich im Haus von Rubens Familie. Einer alten Konstruktion mit Betonfußboden und Toiletten im Hinterhof. Und so kam ich wieder zu einem sehr realistischen ecuadorianischen Erlebnis. Die Familie war unglaublich gastfreundlich. Ich aß gemeinsam mit ihnen, schaute Telenovelas mit der Großmutter und unterhielt mich mit Rubens Onkel über seine Erlebnisse als Gastarbeiter in Spanien. 



Am Mittwoch konnte ich mich dann etwas für die Gastfreundschaft revanchieren, indem ich bei der Renovierung des Hinterhofs half. Da sie mir nicht sonderlich viel zutrauten, bestand die Hilfe hauptsächlich aus dem Schleppen von Schutt oder Sand für den Zement.

Am Abend fuhr ich dann eine Stunde weiter nach Los Bancos, wo die Gruppen aus Nanegalito und Los Bancos gemeinsam eine Unterrichtseinheit des besonderen Fußball-Spielsystems der Dachorganisation „Streetfootballworld“ erhielten.

Die Nacht verbrachte ich im eineinhalb Stunden weiter westlich gelegenen Puerto Quito, das so heißt, weil es früher einmal der Hafen  für den Austausch zwischen Quito und der Küste war.
Am Donnerstag unterrichete ich sechs Schüler des Programms, bevor ich abends den letzten Bus zurück nach Quito nehmen wollte. Damit begann die Odyssee. Der Bus sollte um sechs kommen. Der Busfahrer eines Busses nach Los Bancos teilte mir allerdings mit, dass der Bus heute ausfalle, woraufhin ich seinen Bus bestieg, um zumindest etwas näher an Quito heranzukommen. In Los Bancos angekommen teilte mir ein Polizist mit, dass wir den Bus nach Quito knapp verpasst hätten und der nächste in ungefähr eineinhalb Stunden kommen würde. Mit einem ecuadorianischen Mit-Leidtragenden der mangelnden Busverbindungen setzte ich mich deshalb in ein Lokal, um das Copa-Suramericana-Spiel von Liga de Quito zu schauen und mit einem Bier auf meine Halbzeit in Ecuador anzustoßen. Da er der Auskunft des Busfahrers allerdings nicht traute, schielte der die ganze Zeit aus dem Fenster. Zu unserem Glück: denn nach fünf Minuten im Lokal kam unser Bus, woraufhin wir unser Bier hinunterstürzten, bezahlten und zum Bus rannten. Da wir später auch noch ein Taxi in Quito teilen konnten, war die Zufallsbekanntschaft nicht nur für ein nettes Gespräch im Bus gut.

Am Freitag um vier ging die Reiserei dann schon wieder weiter. Gemeinsam mit 15 Austauschstudenten machte ich mich auf nach Baeza, wo ich sonst immer englisch unterrichte. Leider sind Busse freitagnachmittags sehr voll und nicht ausgelegt für 16 zusätzliche Gringos, so dass die große Mehrheit unserer Gruppe die dreistündige Fahrt stehend verbrachte. In Baeza angekommen empfing uns einer meiner Schüler und wir verbrachten den Abend damit, die örtliche Süßwasserfischspezialität Trucha zu essen und die anstrengende Fahrt mit einem Bier hinunterzuspülen. 






In unserem Hostel empfing uns der sichtlich gut gelaunter Besitzer, Rodrigo, der die Gruppe Gringos nicht ins Bett entließ, ehe wir eine Flasche furchtbaren Aguardiente mit ihm geleert hatten.

Das Aufstehen zur geplanten Raftingtour am Samstagmorgen viel dementsprechend schwer. Aber nach einem Frühstück und einer halbstündigen Busfahrt warteten wir vorfreudig in El Chaco, wo ein Schüler von mir die Tour organisiert hatte. Nach einer kurzen Fahrt auf überfüllten Pick-Up-Truck-Ladeflächen und einer Einführung in die Künste des Raftings saßen wir auf drei Booten verteilt im Fluss Quijos. Die sowieso schon schwierigen Bedingungen, die 2006 die Kayak- und Raftingweltmeisterschaften in den Ort gebracht hatten, wurden durch den nächtlichen Starkregen noch verschärft. 

Und so kam es bereits nach zwanzig Minuten, wie es kommen musste: Unser Boot fiel in den Stromschnellen in ein Wellenloch und wir kenterten. Obwohl ich schon einmal beim Rafting aus dem Boot gefallen war, war das schon ein sehr furchterregender Moment. Die Strömung war unglaublich stark, ich versuchte Steine zu vermeiden und schluckte Unmengen Wasser, bis mich ein anderes Boot aus dem Fluss fischte. Und der restlichen Besatzung meines Bootes erging es größtenteils noch schlechter. Nach einigen erholsamen Ruheminuten an Land waren allerdings alle wieder bereit die Tour fortzusetzen. Diese führte uns dann noch zu einem Ort an dem Zuckerrohrsirup auf sehr altertümliche Weise von Hand hergestellt wird. Drei Stromschnellen später hatten alle eine tolle Zeit erlebt, aber waren froh wieder an Land zu sein. 





Mit dem Pick-Up-Truck und dem Bus fuhren wir zurück in unser Hostel zum Geburtstagsgrillen, zu dem uns Rodrigo am Vorabend eingeladen hatte. 





Nach einem sehr leckeren Essen und einigen Bier nahmen wir den Bus in das Dorf Borja, wo die Fiesta de la Virgen de Quinche und meine Schüler auf uns warteten. Wir kamen pünktlich zum Ende der Messe, so dass die Musikkapelle die „Vaca Loca“, die „Verrückte Kuh“, zum Tanzen animierte. Die Vaca Loca ist ein Betrunkener, in einer mit Süßigkeiten und Früchten behängten Kuh-Atrappe. Kinder und Erwachsene versuchen die Süßigkeiten zu stehlen. Der Betrunkene und umstehende Helfer versuchen das mit Ausweichmanövern, Stößen und Schlägen mit Gürteln zu verhindern.





Im Anschluss wurde ein großes Bambus-Lagerfeuer entzündet, aus dem immer wieder brennende Stäbe herausfielen und die mit dem Feuer spielenden Kinder gefährdeten. 







Zwischendrin wurde getanzt, Bier, Melonenlikör oder alles andere getrunken, was einem so angeboten wurde. 











Die ganze Nacht wurden kleine Heißluftballons gezündet.





Der Höhepunkt des Abends war das Castillo. Eine Feuerwerks-Bambuskonstruktion mit sich drehenden Flammenräder, Raketen und einem brennenden Herz. Um zwölf verlagerte sich die Feier dann in die Dorfdiskothek. 





Die Mehrheit der Austauschstudenten wollte allerdings zurück zu Rodrigos Geburtstagsparty, so dass wir einen Pick-Up-Truck zurück nach Bazea nahmen.




Am nächsten Morgen verließen die Austauschstudenten nach und nach Baeza. Mit den letzten fünf übriggebliebenen Austauschstudenten fuhr ich dann zurück nach Borja, um die „Corrida de los Toros“ anzuschauen, einem Stierkampf ohne blutiges Ende. Zunächst war es eher lächerlich: Eine Ladung Betrunkener, die versuchten einen Stier zu provozieren, der eigentlich nur zurück in seinen Stall wollte. Aber im Laufe des Nachmittags kamen immer aggressivere Stiere und es wurde noch ein richtiger Stierkampf.



Da ich am nächsten Tag unterrichtete, verbrachte ich die Nacht wieder in Rodrigos Hostel. Am nächsten Tag half ich, seine Homepage ins Deutsche zu übersetzen. Zwei der Austauschstudenten hatten die Nacht in El Chaco verbracht und konnten kein Geld abheben, weswegen ich ihnen welches lieh. Nur um kurz darauf festzustellen, dass auch mir der Geldautomat in Baeza kein Geld geben würde. Normalerweise kein Problem, aber auch der andere Lehrer hatte Probleme mit seiner Geldkarte, so dass ich mit sieben Dollar drei Stunden entfernt von Quito saß. Glücklicherweise ist Rodrigo ein Freund des Programmkoordinators im Amazonas und so vereinbarten die beiden, dass die Organisation in den nächsten Tagen für meine Übernachtungen zahlen würde.  Außerdem reichen sieben Dollar hier tatsächlich für ein Mittagessen, ein Abendessen, ein kleines Frühstück und die Fahrt zurück nach Quito.
Vor dem Unterricht hatten die Jungs und Mädels noch ihr erstes Spiel bei der Fußball-Dorfmeisterschaft. Die Mädels verloren 2:0. Gegen das Team des örtlichen Krankenhauses gewannen die Jungs mit 5:1. Da ich mich scheinbar nicht so doof angestellt habe, wollen sie unbedingt, dass ich bei den kommenden Spielen wieder mitspiele.

Am Donnerstagabend war ich mit einigen Freunden bei Jorge Luis und Nichole (das verlobte ecuadorianisch-amerikanische Paar) zur Einweihung ihrer neuen Wohnung und Thanksgiving eingeladen. Die Wohnung hat einen traumhaften Blick über die Altstadt und kostet mit 160 Dollar im Monat 30 Dollar mehr als mein WG-Zimmer im Norden Quitos. Spannend war es die vielen amerikanischen Austauschstudenten dabei zu beobachten, wie sie häufig zum ersten Mal selbst die Thanksgiving-Völlerei zubereiteten.





Und wenn wir gerade bei Thanksgiving sind, dann bin ich dankbar für die vielen neuen Freunde, die Gastfreundschaft und die vielen tollen Erlebnisse in Ecuador!

Am Samstag werde ich mit einem Freund den Hausvulkan Rucu Pichincha besteigen und am Sonntag als braver Teilzeitbürger den Tag in der Wohnung verbringen, um mich volkszählen zu lassen.

Entonces hasta la próxima!

Erkenntnisse der elften und zwölften Woche:
-      die Zeit rast
-      manchmal ist es schön, auch einfach mal nur in Quito zu sein
-      Festivals ohne Bier machen Deutsche unglücklich
-      irgendwie kommt man immer nach Quito
-      je ärmer, desto gastfreundlicher
-      es ist ein gravierender Unterschied, ob 15 Austauschstudenten oder 15 Ecuadorianer auf einem Pick-Up-Truck mitfahren
-      ein TÜV-Inspektor würde beim Anblick des Feuerwerks und Lagerfeuers einen Herzinfarkt bekommen
-      Strohrum schmeckt auch in Ecuador mies
-      auch fast pleite kommt man hier irgendwie über die Runden
-      ich sollte genauer aufpassen, mit wem ich meine Interviews ausmache, damit ich nicht wieder ein Interview in Costa Rica habe
-      manchmal wird man bestraft, wenn man Dinge nicht gleich tut: seit Wochen habe ich mir vorgenommen, bei der genau gegenüber meines Hauses gelegenen Universität nachzufragen, ob sie mir mit einem Experten helfen können. Tatsächlich durchgeführt habe ich den Plan dann genau EINEN Tag nachdem der vormalige Leiter des Büros für Internationale Beziehungen, der zuvor Generalsekretär der ALBA war, den Botschafterposten in Uruguay angetreten hat.
-      Volkszählungen erfordern hier Hausarrest und Alkoholverbot

Freitag, 12. November 2010

Welcome to the jungle...




Kaum vom Strand zurück, saß ich letzten Freitag auch schon im kleinsten Flugzeug meines Lebens, auf dem Weg in den Amazonas-Regenwald. Nach 25 Minuten Flugzeit mit traumhaften Blick auf die ecuadorianischen Vulkane landete ich gemeinsam mit 19 anderen Austauschstudenten in Coca. 




Von dort fuhren wir zwei Stunden mit dem Boot bis zum Gelände einer amerikanischen Ölfirma. Dort wurden wir durchgecheckt, wie bei der Einreise in ein anderes Land. Pass und Gepäck wurden kontrolliert, ehe wir die zweistündige Busfahrt durch das Gelände antreten konnten. 


Am Fluss Tiputini angekommen verbrachten wir nochmal zwei Stunden in einem Boot, bis wir in der Mitte des Nirgendwo oder auch bekannt als Estación de Biodiversiad de Tiputini angekommen waren. Die Station wurde vor zwanzig Jahren von meiner Gastuniversität gegründet und ist unabhängig von dem nahegelegenen Nationalpark Yasuni. Licht, Elektrizität und Mahlzeiten gibt es nur zu bestimmten Tageszeiten, Handyempfang überhaupt nicht. Und so war es ein Ausflug fern von der Zivilisation.

Dank der in der Gegend lebenden Huaroni-Indianer, die bis vor zwanzig Jahren jeden Fremden einfach töteten, wurde Tiputini gut vor den Angriffen der Zivilisation bewahrt. Und aufgrund der Arbeit der Universität der letzten zwanzig Jahre ist die Station heute einer der Orte der Welt, mit der größten Biodiversität und großen Chancen, wilde Dschungeltiere zu beobachten.

Die Tage begannen immer sehr früh: Um 6.30 Uhr gab es Frühstück, kurz darauf stand die erste Tagesaktivität an. Für meine Gruppe bedeutete dies am ersten Tag, eine Wanderung zu einer Aussichtsplattform auf einem Ceiba-Baum und anschließend wackelnde Hängebrücken. Schon auf der ersten Wanderungen sahen wir die erste von insgesamt zehn Affenarten. 



Auf dem Ceiba-Baum thronten wir dann über den Baumkronen des Urwaldes und durften Papageien, Kolibris, Tukane und unzählige andere Vogelarten beobachten.



Die anschließenden Hängebrücken waren eine große Herausforderung für Menschen mit Höhenangst. 


Während die Hängebrücken, vor allem dank der Tatsache, dass wir angeleint waren, für mich eher nicht so das Problem darstellten, war mir auf der Leiter ins Nichts doch etwas mulmiger zumute. Auch die unzähligen Ameisen, Wespen, Moskitos und andere Krabbelviecher, die es vor allem auf Augen und Ohren abgesehen hatten, waren dort oben nicht so angenehm.




Immer wieder begeisterten uns die Fähigkeiten unseres Guides, der manchmal mitten im Gespräch innehielt, schnüffelte und uns zur nächsten Affenart führte.


Nach einem traumhaften Mittagessen, das vermutlich doppelt so gut schmeckte, weil wir nach der anstrengenden Urwaldtour alle am Verhungern waren, kühlten wir uns im Fluss ab. Die Strömung trieb einen zwar eher Richtung Land, aber dennoch war das Baden nur mit Schwimmweste erlaubt. Denn hätte uns die Strömung abgetrieben, wäre das nächste Ziel Peru gewesen. Etwas gruselig war das Gefühl schon, in einem Fluss zu schwimmen, in dem glücklicherweise vor allem nachts, auch Piranhas, Anacondas und Kaimane ihr Unwesen treiben.

Nachdem wir uns mit einem kaputten Fußball auf einem matschigen Volleyballfeld bei der neu erfundenen Sportart Tipu-Volley verausgabt hatte, ging es wieder in den Fluss. Dieses Mal ließ sich die gesamte Gruppe vom Boot aus den Fluss entlang treiben und einige hatten sogar das Glück Delfine zu sehen.


Nach einem wieder sehnsüchtig erwarteten Abendessen machten wir uns auf zu einer Nachtwanderung in den Dschungel. Während der nächtlichen Tour sahen wir einen Pfeilgiftfrosch, unzählige verschiedene Grillen, Heuschrecken und Spinnen.


Da ich von einer Freundin den Tipp bekommen hatte, vor Sonnenaufgang auf dem Ceiba-Baum zu sein, machte ich mich mit acht anderen Personen, die bereit waren noch früher aufzustehen, am nächsten Morgen um fünf auf die nächste Wanderung. Auch wenn die Chancen nicht groß sind, einem Jaguar, Panther oder Puma zu begegnen, im Morgengrauen und ohne Guide fühlte sich der Dschungel doch etwas anders an. Trotz fehlendem Sonnenaufgang und nur wenigen Tieren, war es ein großartiges Gefühl, den Dschungel von hoch oben erwachen zu hören.

In den nächsten beiden Wanderungen verblüfften uns die Fähigkeiten unseres Guides noch mehr. Wir sahen nicht nur vier weitere Affenarten, die teilweise unglaublich versteckt waren. An einer Stelle des Pfades machte er Halt und fing einen winzigen Frosch. Einen fiesen, sehr schmerzhaften Raupenstich einer Freundin heilte er mit einer Liane. Aber die größte Leistung war es vermutlich eine Fliege mit zwei Fingern aus der Luft zu fangen, ohne sie dabei zu töten. 



Er zeigte uns unterschiedliche Pflanzen, mit denen die Eingeborenen ihr Kunsthandwerk und ausländische Touristen ihre Zungen einfärben.




Sogar Ameisen waren mit ihm spannend. Eine fünf Zentimeter große Ameisenart verursacht so schmerzhafte Bisse, dass bereits drei Bisse zu einem schlimmen Fieber führen. Eine andere Ameisenart wird von den Eingeborenen verwendet, um Wunden zu klammern, da sie sich im Fleisch festbeißen und selbst nach Abtrennen des Körpers nicht loslassen. 

Die nächste Ameisenart schmeckte nach Zitrone und die Blattschneideameisen erinnerten an deutsche Effizienz. Entlang einer Dschungelautobahn tragen sie die Blätter in Richtung ihres Baus, während andere Ameisen zwischen ihnen zurückströmen. Sie verwendeten an einer Stelle sogar einen Ast als Brücke. Aber sobald man eine Ameise nur fünf Zentimeter von der Route versetzt oder ein Hindernis in den Weg stellt, ist die deutsche Gründlichkeit vorbei und die Arbeitsweise erinnert wieder stärker an Lateinamerika.


Die Eingeborenen nutzen die Blattschneideameisen auch zur Entspannung, da sie auf dem Körper angeblich wie eine Massage sind. Ein Eigenexperiment hat mich allerdings eher weniger überzeugt, den Bissschmerzen empfinde ich dann doch eher weniger entspannend – aber ich bin ja auch kein Indio.




Die Kanufahrt auf einem Dschungelsee war wohl mit einer der gruseligsten Dinge, die ich bisher gemacht habe. Mit dem Wissen von unzähligen Anacondas im trüben Wasser und zwanzig Zentimeter über der Wasseroberfläche hätte es das furchterregende Geschaukel des winzigen Kanus nicht wirklich gebraucht. Auf der Bootsfahrt zurück zum Camp hatten wir dann noch das Riesenglück, einen pinken Süßwasserdelfin zu sehen.



Die letzte Bootsfahrt war zeitlich perfekt auf den Abend vor der Abreise gelegt. Denn nach den unzähligen Kaimanen, die wir am Ufer oder im Wasser erspähten, wäre am nächsten Tag wohl keiner mehr im Fluss baden gegangen.

Neben den zahlreichen Tieren und Pflanzen hatte ich nicht nur eine tolle Zeit mit den anderen Austauschstudenten, sondern auch das Glück ein kanadisches CBS-Filmteam beim Dreh zu treffen. Die beiden Quebec-Kanadier waren gerade dabei einen Film über Öl in Ecuador zu drehen. Ein wichtiger Bestandteil des Films ist das Yasuni-Regenwaldprojekt, von dem ich schon an anderer Stelle in diesem Blog erzählt habe. Ecuador fordert dabei von den Industrienationen finanzielle Unterstützung, um die großen Erdölvorkommen im Naturschutzgebiet nicht auszubeuten. Wegen der Furcht vor mangelnder Verlässlichkeit oder mangelndem politischen Willen des Entwicklungsministers Dirk Niebel hat Deutschland die, vom Parlament bereits bewilligten, Zahlungen erst einmal gestoppt.
Nachdem ich der Meinung war, dass die deutschen Öffentlich-Rechtlichen zu wenig für die Auslandsberichterstattung tun, schockierte mich die Abdeckung der Welt durch CBS vollends. So unterhält CBS nicht nur kein Büro mehr in Lateinamerika und Afrika, sondern schloss vor kurzem auch das Büro in Moskau. Die gesamte Europaberichterstattung wird von Paris aus durchgeführt. Kommt es zu größeren Ereignissen, wie dem Erdbeben auf Haiti müssen Kameramann und Redakteur extra aus Nordamerika einfliegen. Am Schluss konnte ich den beiden Kanadiern sogar noch mit einem Interviewpartner helfen. David, mit dem ich zusammen im Amazonas unterrichte, ein früherer Berater des Umweltministers und hat eine sehr kritische Meinung zum Yasuni-Regenwaldprojekt. So könnte es sein, dass die Begegnung im Nirgendwo noch irgendeinen Sinn in der Zukunft haben wird.

Auf der Rückfahrt mit dem Boot wurde das gute Charma unserer Gruppe noch ein letztes Mal bestätigt. Direkt vor unserem Boot durchquerte das nur sehr selten von Menschen zu beobachtende Tapir den Fluss.

Nach vier Tagen waren wir Montagabends wieder in Quito und mein mit Sicherheit intensivstes Naturerlebnis beendet.

Nach der Reiserei der letzten Wochen habe ich mich diese Woche wieder etwas intensiver um die Magisterarbeit gekümmert. Die Beendigung der Lektüre der ALBA-Originaldokumente belohnte ich mit dem Viertelfinale der Copa Suramericana. Liga de Quito spielte gegen das argentinische Team Newell´s Old Boys und dieses Mal war das Stadium im Gegensatz zu meinem letzten Spiel ausverkauft. Die Stimmung war dementsprechend wesentlich besser. Die ganze Stadt war in Aufruhr und aufgrund eines 1:0-Sieges werde ich wohl auch beim Halbfinale wieder dabei sein.

Das Wochenende werde ich wohl eher arbeitend verbringen, da ich in der kommenden Woche vier Tage Englisch nordwestlich von Quito unterrichten werde und kommendes Wochenende mit einer Busladung voll Austauschstudenten zum Dorffest im Ort, wo ich unterrichte fahren werde. Das wird sicher ein spannendes Multikulti-Treffen.

Entonces hasta la próxima!

Erkenntnisse der neunten Woche:
- Regenwald macht auch ohne Alkohol Spaß
- sogar Ameisen sind dort spannend
- Ölfirmen schreiben in Ecuador ihre eigenen Gesetze
-Networking funktioniert auch in der Mitte des Nirgendwo
- man kann Spanisch selbst in Ecuador verlernen, wenn man zu viel mit Austauschstudenten rumhängt
- Austauschstudenten sind cooler als gedacht
- Krabbelviecher, die es auf Augen abgesehen haben, sind noch fieser
- Raupen können stechen, Lianen können heilen
- auch dicke Guides können ganz schön schnell rennen
- lateinamerikanische Fußballfans sind noch verrückter als europäische
- Regenwald-Pilze sind spätpubertär

Donnerstag, 4. November 2010

Kneipentouren und ein Ecuador der etwas anderen Art...


Die letzten beiden Wochen standen etwas im Zeichen der zwischenzeitlichen Demotivation, meine Magisterarbeit voranzubringen. Unter der Woche war ich fleißig, aber am Wochenende musste ich den Kopf frei bekommen.

Am Freitag vor zwei Wochen war ich deshalb auf einer sehr witzigen Kneipentour, die in La Ronda begann und in der Mariscal endete. La Ronda ist eine Straße in der kolonialen Altstadt, die noch vor drei Jahren einen sehr schlechten Ruf hatte. Mittlerweile wurden die Kolonialfassaden aber restauriert und es treffen sich vor allem Ecuadorianer, um durch die traumhaft, schöne Pflastersteinstraße zu wandern und Canelazo zu trinken. Canelazo ist ein Heißgetränk mit Zimt, frischem Saft und Zuckerrohrschnaps, der nur 50 Cent kostet, aber schnell in den Kopf steigt.

Am Samstag traf ich mich dann mit Jorge Luis, um in Lucha de los Pobres Billard und Fußball zu spielen. Dieses Mal verlor ich zwei Dollar dabei. Am Abend gingen wir dann in eine typische Disco in Süd-Quito, was mal eine nette neue Erfahrung war. Der Abend endete dort allerdings nicht. Zurück in Lucha de los Pobres zogen wir weiter auf eine Viertels-Party in einem Rohbau, wo ich dann mal wieder einziger Teilnehmer des Spiels „Füllen wir den Gringo mit seltsamen Minzlikören und Zuckerrohrschnaps ab“ war. Im Anschluss klingelten wir den Besitzer eines 24-Stunden-Schnapsladens wach, um mit ihm noch eine Flasche des typischen Melonenlikörs zu vernichten. Eine großartige Nacht, die dazu führte, dass ich am nächsten morgen noch genau die 50 Cent hatte, die ich benötigte, um die zweistündige Busfahrt in drei verschiedenen Bussen in meine Wohnung zu bezahlen.
Sonntagnachts spielte ich mit einem Freund von der Universität Fußball. Auf einem Kunstrasenplatz auf einer Erhebung in der Nähe meine Wohnung hat man einen traumhaften Blick über Quito. Die nächtlich beleuchtete Stadt im Hintergrund war vermutlich eine der spektakulärsten Kulissen vor denen ich bisher Fußball gespielt habe.

In der Woche darauf fuhr ich zunächst wieder zum Unterrichten in den Amazonas, ehe dann am Freitag die „Großen Ferien“ begannen. Diese Kombination aus Wochenende plus drei Feiertagen versetzt ganz Ecuador in Bewegung. Also auch uns. Ziel: Strand!

Nur Verrückte an der Küste

Da wir vergessen hatten vorauszuplanen, konnten wir am Freitag noch einige der letzten Bustickets an die Küste ergattern. Unglaublich verrückt zu sehen, wie ganz Ecuador auf Reisen ist.
Mit dem Nachtbus fuhren wir zunächst acht Stunden nach Portoviejo, von dort eine halbe Stunde weiter nach Jipijapa (sprich: Chipichapa) und dann weitere drei Stunden in die Surf und Gringo-Hochburg Montanita.

Dort fühlt sich wirklich wenig an, wie Ecuador. Surfshops, Frühstücksangebote, Cocktailbars, alles was das Touri-Herz so höher schlagen lässt. Mit etwas Glück fanden wir noch ein Zimmer in einem Hostel und so konnte die dringend notwendige Pause von der Magisterarbeit beginnen.
Und während man gewöhnlich von New York, Las Vegas und Berlin als Städte spricht, die niemals schlafen, so muss man Montanita, zumindest während der Ferien, in dieser Reihe aufnehmen. Auch wenn der Ort nicht wirklich ecuadorianisch ist, so waren es doch während der Ferien zumindest die Touristen. Vor allem reiche Studenten aus Guyaquil waren auf der Jagd nach Gringos und einer Leberzirrhose. Nachdem viele schon tagsüber solide am Bier-Trinken waren, füllte sich nachts der Strand mit Lagerfeuern und Feuerwasser. Anschließend verlagerte sich die Partys in die Strandbars, Clubs oder wo man sonst trinken konnte. Während ich durch die ersten zwei Monate in Ecuador schon ziemlich sicher war, dass Papamericano das bisher meistgehörte Lied meines Lebens ist, bin ich mir nach diesen vier Tagen am Strand sicher, dass es diesen Rekord für immer halten wird. Unglaublich, wie die Leute hier einfach nicht müde werden, dieses Lied zu hören.
Egal zu welcher Uhrzeit man in der Stadt unterwegs war, immer waren Leute am Trinken und Feiern. Ich bin immer noch nicht ganz sicher, ob das an der enormen Ausdauer oder am Schichtbetrieb gelegen hat.
Auch interessant, wie sich der Ort verändert zu haben scheint: Ein deutscher Freund aus Quito erzählte mir, dass er bereits vor einem halben Jahr hier war und es damals noch keine einzige, der mittlerweile den kompletten Ort durchziehenden betonierten Straßen, gab, sondern alles aus Sand bestand. Es ist immer etwas traurig, wenn Backpacker-Hochburgen ihren Charme verlieren, denn bald droht Montanita auch das erste mehrstöckige Touri-Hotel und so wird der Backpacker-Party-Tross spätestens in fünf Jahren woanders hinziehen.


Um den Trip nicht ganz kulturlos enden zu lassen, fuhren wir am Dienstag zur „Isla de la Plata“ oder auch „Galapagos der Armen“. Nach einer sehr rauen einstündigen Bootstour mit etlichen seekranken Mitreisenden kamen wir auf der kargen Felseninsel an, die zwar nicht die einzigartige Artenvielfalt der Galapagos-Inseln bietet, aber doch ein guten Eindruck vermittelt.



Eine sehr witzige blaufüßige Vogelart nistet dort ebenso wie der Albatros. Außerdem konnten wir einen sehr großen, am Strand faulenzenden Seelöwen beobachten. Leider waren wir nicht zur rechten Zeit da, um die einmal im Jahr vorbeiziehenden Buckelwale zu sehen.

Den Abend verbrachten wir relativ entspannt in der weniger touristischen Stadt Puerto Lopez. Dort durften wir noch an einem Dorffest teilhaben, dass aufgrund eines stadtweiten Stromausfalls nur dank Dieselgeneratoren weitergehen konnte. In stockfinsterer Nacht irrten wir anschließend zurück zu unserem Hotel.

Am nächsten Tag starteten wir komplett ohne Ticket auf die lange Fahrt nach Quito. Zunächst fuhren wir nach Portoviejo, dort gab es erst für den späten Abend wieder Tickets, so dass wir weiter in die Transitstadt Santo Domingo fuhren, wo wir dann darauf hofften, mehr Glück zu haben. In Santo Domingo angekommen, wurden wir bereits vor dem Erreichen des Terminals abgefangen und bekamen die Möglichkeit, die restlichen dreieinhalb Stunden mit einem Bus des Öffentlichen Nahverkehrs nach Quito zurückzulegen. Eigentlich etwas, von dem vor allem die paranoide US-Botschaft regelmäßig warnt, aber aufgrund der Furcht vor Ermangelung von Alternativen vertrauten wir dem etwas seltsamen Transportmittel. Eine unbequeme Busfahrt in Hartschalensitzen, eine Polizeikontrolle und eine Taxifahrt später waren wir dann um zwölf alle heil zu Hause, um uns am nächsten Tag wieder in den Alltag zu stürzen.

Es war eine sehr entspannende, aber anstrengende freie Zeit, bei der ich im Endeffekt wieder mehr über Ecuador gelernt habe, als ich im Vorfeld von diesem Trip erwartet hatte.

Und Alltag ist wahrscheinlich das falsche Wort ist. Ich habe heute Zeit, um mal wieder etwas Ordnung in mein Leben zu bringen und morgen geht es dann schon wieder mit einer Schultour ins richtige Amazonasgebiet.

Entonces hasta la próxima!

Erkenntnisse der achten und neunten Woche:

- meine Schüler behalten weniger vom Stoff als erhofft
- wenn ich das nächste mal während ecuadorianischer Ferien reise, werde ich wohl eher wieder „deutscher“ planen
- Ecuadorianer haben eine erstaunlich Trinkausdauer
- Papamericano wird wohl für immer in meinem Kopf eingebrannt sein, aber überraschenderweise nervt es mich immer noch nicht
- ein Bierfrühstück mit anderen Deutschen zum Bundesliga-Spitzenspiel ist manchmal genau das, was man braucht
- bluefooted boobies sind tatsächlich Vögel
- öffentlicher Nahverkehr ist nicht gemacht für lange Strecken