Donnerstag, 4. November 2010

Kneipentouren und ein Ecuador der etwas anderen Art...


Die letzten beiden Wochen standen etwas im Zeichen der zwischenzeitlichen Demotivation, meine Magisterarbeit voranzubringen. Unter der Woche war ich fleißig, aber am Wochenende musste ich den Kopf frei bekommen.

Am Freitag vor zwei Wochen war ich deshalb auf einer sehr witzigen Kneipentour, die in La Ronda begann und in der Mariscal endete. La Ronda ist eine Straße in der kolonialen Altstadt, die noch vor drei Jahren einen sehr schlechten Ruf hatte. Mittlerweile wurden die Kolonialfassaden aber restauriert und es treffen sich vor allem Ecuadorianer, um durch die traumhaft, schöne Pflastersteinstraße zu wandern und Canelazo zu trinken. Canelazo ist ein Heißgetränk mit Zimt, frischem Saft und Zuckerrohrschnaps, der nur 50 Cent kostet, aber schnell in den Kopf steigt.

Am Samstag traf ich mich dann mit Jorge Luis, um in Lucha de los Pobres Billard und Fußball zu spielen. Dieses Mal verlor ich zwei Dollar dabei. Am Abend gingen wir dann in eine typische Disco in Süd-Quito, was mal eine nette neue Erfahrung war. Der Abend endete dort allerdings nicht. Zurück in Lucha de los Pobres zogen wir weiter auf eine Viertels-Party in einem Rohbau, wo ich dann mal wieder einziger Teilnehmer des Spiels „Füllen wir den Gringo mit seltsamen Minzlikören und Zuckerrohrschnaps ab“ war. Im Anschluss klingelten wir den Besitzer eines 24-Stunden-Schnapsladens wach, um mit ihm noch eine Flasche des typischen Melonenlikörs zu vernichten. Eine großartige Nacht, die dazu führte, dass ich am nächsten morgen noch genau die 50 Cent hatte, die ich benötigte, um die zweistündige Busfahrt in drei verschiedenen Bussen in meine Wohnung zu bezahlen.
Sonntagnachts spielte ich mit einem Freund von der Universität Fußball. Auf einem Kunstrasenplatz auf einer Erhebung in der Nähe meine Wohnung hat man einen traumhaften Blick über Quito. Die nächtlich beleuchtete Stadt im Hintergrund war vermutlich eine der spektakulärsten Kulissen vor denen ich bisher Fußball gespielt habe.

In der Woche darauf fuhr ich zunächst wieder zum Unterrichten in den Amazonas, ehe dann am Freitag die „Großen Ferien“ begannen. Diese Kombination aus Wochenende plus drei Feiertagen versetzt ganz Ecuador in Bewegung. Also auch uns. Ziel: Strand!

Nur Verrückte an der Küste

Da wir vergessen hatten vorauszuplanen, konnten wir am Freitag noch einige der letzten Bustickets an die Küste ergattern. Unglaublich verrückt zu sehen, wie ganz Ecuador auf Reisen ist.
Mit dem Nachtbus fuhren wir zunächst acht Stunden nach Portoviejo, von dort eine halbe Stunde weiter nach Jipijapa (sprich: Chipichapa) und dann weitere drei Stunden in die Surf und Gringo-Hochburg Montanita.

Dort fühlt sich wirklich wenig an, wie Ecuador. Surfshops, Frühstücksangebote, Cocktailbars, alles was das Touri-Herz so höher schlagen lässt. Mit etwas Glück fanden wir noch ein Zimmer in einem Hostel und so konnte die dringend notwendige Pause von der Magisterarbeit beginnen.
Und während man gewöhnlich von New York, Las Vegas und Berlin als Städte spricht, die niemals schlafen, so muss man Montanita, zumindest während der Ferien, in dieser Reihe aufnehmen. Auch wenn der Ort nicht wirklich ecuadorianisch ist, so waren es doch während der Ferien zumindest die Touristen. Vor allem reiche Studenten aus Guyaquil waren auf der Jagd nach Gringos und einer Leberzirrhose. Nachdem viele schon tagsüber solide am Bier-Trinken waren, füllte sich nachts der Strand mit Lagerfeuern und Feuerwasser. Anschließend verlagerte sich die Partys in die Strandbars, Clubs oder wo man sonst trinken konnte. Während ich durch die ersten zwei Monate in Ecuador schon ziemlich sicher war, dass Papamericano das bisher meistgehörte Lied meines Lebens ist, bin ich mir nach diesen vier Tagen am Strand sicher, dass es diesen Rekord für immer halten wird. Unglaublich, wie die Leute hier einfach nicht müde werden, dieses Lied zu hören.
Egal zu welcher Uhrzeit man in der Stadt unterwegs war, immer waren Leute am Trinken und Feiern. Ich bin immer noch nicht ganz sicher, ob das an der enormen Ausdauer oder am Schichtbetrieb gelegen hat.
Auch interessant, wie sich der Ort verändert zu haben scheint: Ein deutscher Freund aus Quito erzählte mir, dass er bereits vor einem halben Jahr hier war und es damals noch keine einzige, der mittlerweile den kompletten Ort durchziehenden betonierten Straßen, gab, sondern alles aus Sand bestand. Es ist immer etwas traurig, wenn Backpacker-Hochburgen ihren Charme verlieren, denn bald droht Montanita auch das erste mehrstöckige Touri-Hotel und so wird der Backpacker-Party-Tross spätestens in fünf Jahren woanders hinziehen.


Um den Trip nicht ganz kulturlos enden zu lassen, fuhren wir am Dienstag zur „Isla de la Plata“ oder auch „Galapagos der Armen“. Nach einer sehr rauen einstündigen Bootstour mit etlichen seekranken Mitreisenden kamen wir auf der kargen Felseninsel an, die zwar nicht die einzigartige Artenvielfalt der Galapagos-Inseln bietet, aber doch ein guten Eindruck vermittelt.



Eine sehr witzige blaufüßige Vogelart nistet dort ebenso wie der Albatros. Außerdem konnten wir einen sehr großen, am Strand faulenzenden Seelöwen beobachten. Leider waren wir nicht zur rechten Zeit da, um die einmal im Jahr vorbeiziehenden Buckelwale zu sehen.

Den Abend verbrachten wir relativ entspannt in der weniger touristischen Stadt Puerto Lopez. Dort durften wir noch an einem Dorffest teilhaben, dass aufgrund eines stadtweiten Stromausfalls nur dank Dieselgeneratoren weitergehen konnte. In stockfinsterer Nacht irrten wir anschließend zurück zu unserem Hotel.

Am nächsten Tag starteten wir komplett ohne Ticket auf die lange Fahrt nach Quito. Zunächst fuhren wir nach Portoviejo, dort gab es erst für den späten Abend wieder Tickets, so dass wir weiter in die Transitstadt Santo Domingo fuhren, wo wir dann darauf hofften, mehr Glück zu haben. In Santo Domingo angekommen, wurden wir bereits vor dem Erreichen des Terminals abgefangen und bekamen die Möglichkeit, die restlichen dreieinhalb Stunden mit einem Bus des Öffentlichen Nahverkehrs nach Quito zurückzulegen. Eigentlich etwas, von dem vor allem die paranoide US-Botschaft regelmäßig warnt, aber aufgrund der Furcht vor Ermangelung von Alternativen vertrauten wir dem etwas seltsamen Transportmittel. Eine unbequeme Busfahrt in Hartschalensitzen, eine Polizeikontrolle und eine Taxifahrt später waren wir dann um zwölf alle heil zu Hause, um uns am nächsten Tag wieder in den Alltag zu stürzen.

Es war eine sehr entspannende, aber anstrengende freie Zeit, bei der ich im Endeffekt wieder mehr über Ecuador gelernt habe, als ich im Vorfeld von diesem Trip erwartet hatte.

Und Alltag ist wahrscheinlich das falsche Wort ist. Ich habe heute Zeit, um mal wieder etwas Ordnung in mein Leben zu bringen und morgen geht es dann schon wieder mit einer Schultour ins richtige Amazonasgebiet.

Entonces hasta la próxima!

Erkenntnisse der achten und neunten Woche:

- meine Schüler behalten weniger vom Stoff als erhofft
- wenn ich das nächste mal während ecuadorianischer Ferien reise, werde ich wohl eher wieder „deutscher“ planen
- Ecuadorianer haben eine erstaunlich Trinkausdauer
- Papamericano wird wohl für immer in meinem Kopf eingebrannt sein, aber überraschenderweise nervt es mich immer noch nicht
- ein Bierfrühstück mit anderen Deutschen zum Bundesliga-Spitzenspiel ist manchmal genau das, was man braucht
- bluefooted boobies sind tatsächlich Vögel
- öffentlicher Nahverkehr ist nicht gemacht für lange Strecken

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