Der Berg ruft
Zunächst machte ich mich gemeinsam mit meinem singapurischen Freund an den Versuch den Hausvulkan Quitos, Rucu Pichincha, zu besteigen. Dafür fuhren wir zunächst mit der Seilbahn von 2800 auf 4100 Meter. Vom Endpunkt des Teleferico sollte wir dann in einer dreistündigen Wanderung zum Gipfel auf 4700 Metern gelangen. Zunächst ging es relativ ebenerdig entlang des andinen Grashochlandes. Auch wenn das Wetter nicht komplett perfekt war, hatten wir doch Glück und es boten sich zwischenzeitlich traumhafte Ausblicke auf Quito und die umliegenden Vulkane.
Nach einer Stunde endete der Pfad und wir mussten uns durch das Gras schlagen. Jetzt machte es sich bemerkbar, dass Daniel zwar sehr viel Zeit im Fitnessstudio verbringt, Gewichte stemmen aber nicht unbedingt das beste Konditionstraining ist. Auch mir viel das Wandern wegen der extrem dünnen Luft zunehmend schwerer, aber dank des regelmäßigen Fußballspielens in der Höhenluft, hatte ich eher weniger Probleme und übernahm nach und nach immer mehr von Daniels Gepäck. Kurz vor dem Gipfel mussten wir dann wirklich klettern und erreichten unser Ziel nach insgesamt vier Stunden.
Das verquetschte Sandwich aus meinem Rucksack war nach der Anstrengung eine der besten Mahlzeiten unseres Lebens.
Auf dem Rückweg setzte dann Hagel ein. Aber wirklich verschlimmerte sich unsere Situation als sich Daniel den Knöchel verstauchte, so dass ich ihn einen Großteil des Weges nach unten stützen musste, was angesichts der Tatsache, dass er durch das Gewichtheben nicht zur Sorte zierlicher Chinesen gehört und wir uns immer noch abseits des Pfades befanden, nicht sehr einfach war. Während wir uns nach unten quälten zog auch noch Nebel auf, so dass wir uns nur noch, wenn der Nebel sich kurz lichtete, an der weit entfernten Kapelle des Teleferico orientieren konnten. Aber auch dieser sehr kräftezehrende und teilweise beängstigende Teil der Tour ging vorbei und um vier Uhr waren wir nach insgesamt sieben Stunden durchnässt aber glücklich zurück an der Seilbahnstation. Im Anschluss erfuhr ich von meiner Mitbewohnerin, die Bergführerin ist, dass es einen Pfad bis zum Gipfel gibt und wir uns nicht durch das Gras hätten quälen müssen. Beim zweiten Mal ist man immer schlauer.
Eingesperrtes Volk
Der nächste Tag begann mit Hausarrest. Aufgrund einer Volkszählung, die alle zehn Jahre stattfindet, herrschte am Sonntag von sieben bis fünf Uhr in allen urbanen Zentren Ausgangssperre und Reiseverbot. Zudem trat von Samstag 0 Uhr bis Sonntag 0 Uhr das „Ley Seca“, das trockene Gesetz in Kraft, das ein absolutes Alkoholverbot zur Folge hatte. Meine Mitbewohnerin ließ sich in Riobamba registrieren, so dass ich mich als alleiniger Bewohner des Vier-Zimmer-Appartments ausgeben sollte. Um 7.30 Uhr standen drei zwischen 14 und 16 Jahre alte Schülerinnen in meiner Tür, denen deutlich anzumerken war, dass ich ihr erstes Interviewpartner des Tages war. Ansonsten hätten sie mich wohl eher nicht gefragt, ob ich in an einer Straße, einer Autobahn, im Wald oder entlang eines Flusses wohne; oder ob ich elektrisches Licht und fließendes Wasser habe. Dinge die in weiten Teilen Ecuadors legitime Fragen darstellen, aber eher nicht im Norden Quitos. Bei einigen Fragen hatte ich dann doch Probleme, mich als legitimer alleiniger Bewohner der Wohnung auszugeben. Denn ich wusste nicht wirklich, wie viele Lampen ich besitze und wie viel wir im vergangenen Monat für Wasser und Strom bezahlt haben.
Die darauffolgende Woche kasernierte ich mich in meinem Zimmer ein, um endlich einmal mit meiner Magisterarbeit voranzukommen, bevor am Wochenende die Fiestas de Quito anstanden.
Eine Stadt feiert sich selbst
Während der Fiestas de Quito feiern die Bewohner ein verlängertes Wochenende lang die Gründung ihrer Stadt am 6.Dezember. Dazu gehören Stierkämpfe, Paraden und sehr viel Alkohol.Eine der Traditionen ist die Fahrt in und auf einem offenen Bus mit Blaskapellen, dem sogenannten Chiva. Nach einer Chiva-Fahrt mit einigen Canelazos, einem Zimt-Orangen-Punsch mit Zuckerrohrschnaps, machte ich mich mit Freunden auf den Weg in den Mariscal.
Das Vergnügungsviertel war vollkommen überlaufen und wurde von Militärs mit Schrotflinten und Maschinengewehren bewacht. Die Fiestas de Quito sind eine Hochzeit für Kriminelle und außerdem sterben jedes Jahr zwischen 20 und 60 Menschen bei Verkehrsunfällen. Den Rest des Abends verbrachten wir nicht in Gringolandia, sondern auf einer Stadtviertel-Feier.
Am nächsten Tag besuchte ich mit 40.000 anderen das kostenlose Festival „Feria de Quitumbe“, wo die bekannteste Hiphop-Gruppe Lateinamerikas, „Calle 13“ aus Puerto Rico, spielte. Der sowieso immer überfüllte Trole-Bus glich an diesem Abend der Tokioter U-Bahn, so dass wir uns einen Platz in der Sardinenbüchse erzwingen mussten.
Am Sonntagmorgen wachte ich relativ früh auf und wollte mir eigentlich einen gemütlichen Morgen machen, ehe die Feiern am Nachmittag ihrem Höhepunkt entgegen steuerten. Dieser Plan änderte sich allerdings als ich meiner Nachbarin über den Weg lief, die aufgrund ihres Trikots offensichtlich auf dem Weg zum Finale der ecuadorianischen Liga zwischen Liga de Quito und Emelec Guayaquil war. Die Tatsache, dass sie noch Platz im Auto und eine Karte übrig hatte, sah ich als Wink des Schicksals. Ich rief einen deutschen Freund an, von dem ich wusste, dass er mit einigen Freunden zum Spiel gehen würde. Da sie bereits häufiger bei den Spielen waren und Exotenstatus genossen, hatten sie sich mit den Ultra-Fans des Clubs angefreundet. So verbrachte ich meinen Sonntagmorgen hüpfend, singend und schreiend neben der größten Trommel im Stadion und den „Dinosaurios“. Sie sind die absolute Autorität im Block, die bei mehreren Schlägereien dazwischen gingen und zur Ordnung aufriefen, wenn jemand Flaschen statt Klopapierrollen auf den gegnerischen Torhüter warf. Das Spiel wurde 2:0 gewonnen, so dass die Chancen für das Rückspiel am kommenden Sonntag und die nächste rauschende Feier in Quito hoch sind. Im Anschluss an das Spiel ersparten wir uns die nervige Taxifahrt im Stau und bestiegen stattdessen einen Chiva, der uns zwar nicht schneller, aber günstiger und mit Musik und Alkohol in die Stadt zurückbrachte. Im Parque La Carolina wurde ich dann von einem Transvestiten-Clown in ein Straßentheater verwickelt. Den restlichen Nachmittag und Abend verbrachte ich mit neu gefundenen ecuadorianischen und kolumbianischen Freunden in einer Bar und auf einer privaten Feier in einer Gated Community. Die Nacht endete allerdings nicht dort und so fand ich mich im absoluten Norden Quitos in der Nähe des Stadions auf einer Straßenparty wieder. Da in dieser Gegend um diese Uhrzeit keine Chance auf ein Taxi besteht, stoppte ich das erste Auto, das vorbeikam, und ließ mich für meine letzten fünf Euro von einem Trabi nach Hause fahren. Bevor ich zu Hause ankam wurde ich noch Zeuge eines offensichtlich kurz zuvor geschehenen Verkehrsunfalls. Ein Motorrad war offensichtlich bei einem Abbiegeversuch mit einem Auto kollidiert. Der Boden war bedeckt mit Wrackteilen des Motorrads und der Fahrer und seine Freundin lagen blutüberströmt zehn Meter voneinander entfernt auf dem Boden, waren aber bei Bewusstsein. Da bereits genügend Hilfe und Schaulustige vor Ort waren, machte ich mich auf den Weg nach Hause und kann nur hoffen, dass den beiden nichts Schlimmeres passiert ist.
Etwas angeschlagen quetschte ich mich am nächsten Morgen in den Trole-Bus auf den Weg zum The-Wailers-Konzert im Süden. Auch wenn ich mir sicher bin, dass die Hölle ein Trole-Bus mit Kater ist, war die Tatsache „Redemption Song“ und „Three Little Birds“ live zu hören, die Qual absolut wert. Damit endete auch eines der verrücktesten Wochenenden meines Lebens.
Lehrer sind nicht immer die besten Vorbilder
Am Dienstag fuhr ich zum nächsten Spiel des Dorfturniers und zum Unterrichten nach Baeza. Nachdem wir bereits in der fünften Minute den Englischlehrer David wegen einer Tätlichkeit verloren hatten und direkt im Anschluss das 1: 0 und 2:0 kassierten, rannten wir das komplette Spiel an, nutzten unsere Chancen allerdings nicht, liefen immer wieder in Konter und verschossen einen Elfmeter. Nachdem ich selbst eine unserer besten Chancen vergeben hatte, fluchte ich doch etwas sehr ecuadorianisch über mich selbst und wäre beinahe vom Platz geflogen. Am Ende verloren wir 5:2. Da das andere Team allerdings einige nicht spielberechtige Spieler einsetzte, wurden das Spiel annulliert und somit haben wir noch alle Chancen in die nächste Runde zu kommen.
Bei den Konversationsübungen mit meinen Schülern freute ich mich sehr, einen deutlichen Fortschritt zu beobachten. Selbst die schlechtesten können sich einigermaßen ausdrücken und mit den Besten kann ich mich mittlerweile über einfache Dinge normal unterhalten, was in Ecuador eine Menge ist. Außerdem wurde ich zum „Cena de Navidad“, dem „Weihnachtsabendessen“ am 23.Dezember eingeladen. Eine schöne Gelegenheit für das vermutlich letzte Treffen mit meinen Schülern.
In der kommende Woche werde ich wieder zum Unterrichten und zum schweren Spiel gegen die Polizei nach Baeza fahren und die letzte Woche mit den amerikanischen und singapurischen Austauschstudenten genießen, ehe meine Familie zu Weihnachten eintrifft.
Entonces hasta la próxima!
Erkenntnisse der 13. und 14. Woche:
- ain´t no mountain high enough
- die Luft ist dünn an der Spitze
- Gewichtheben ist nicht konditionsfördernd
- der Geschmack von Sandwiches ist relativ
- das nächste Mal nehme ich den Pfad nach oben
- um Ecuadorianer zu zählen muss man sie einsperren und trockenlegen
- zu Hause schreibt sich eine Magisterarbeit erfolgreicher
- überfüllte Verkehrsmittel sind relativ
- Taxis sind bessers als Trole-Busse
- Chivas sind besser als Taxis
- Ultras sind überall auf der Welt gleich
- eso es una fiesta de locos
- Lehrer sind nicht immer die besten Vorbilder
- meine Schüler machen Fortschritte








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