Freitag, 15. Oktober 2010

Man soll den Alltag nicht vor dem Abend loben...


Gerade möchte ich schreiben, dass so langsam Alltag in mein Leben eingezogen ist, schon schwimme ich in meiner besten Jeans mit einem ehemaligen FARC-Guerilla in einem Wasserfall, den vor mir noch kein Ausländer zu sehen bekommen hat, während meine Kamera in einem Kondom am Ufer liegt. Aber der Reihe nach!

Alltag im Ausnahmezustand

Tatsächlich hat sich in den letzten beiden Wochen etwas Alltag in meinem Leben breit gemacht. Die politische Lage ist momentan stabil, es wird weiter über das Gesetz, aber vor allem darüber diskutiert, wie genau der Chaos-Tag abgelaufen ist. Es gibt nicht wenige Leute, die glauben, dass Correa die Entführung bewusst inszeniert habe, um seine Popularität zurückzugewinnen. 
Spannend ist, dass sich Smalltalk etwas verändert hat, egal ob Taxifahrer oder Freunde, letzte Woche begann jedes Gespräch mit der Frage, wie man den Chaos-Donnerstag erlebt habe. Etwas skurril war es aber schon, dass wir Freitagabend ganz normal im Kino saßen, als ob nichts passiert wäre.

Am Samstag war ich bei der Geburtstagsfeier von Jorge Luis. Manchmal ist es echt seltsam, welche Blüten das Leben so treibt. So wie es momentan aussieht, werden er und die amerikanische Austauschstudentin im Dezember heiraten. Schon komisch, dass das alles nicht passiert wäre, wenn ich ihn nicht auf der Straße getroffen, meine singapurischen Freunde mit in den Süden genommen und diese nicht Nichole gefragt hätten, ob sie am Abend nachkommen möchte. La vida es una tombola!

An Jorge Luis Geburtstag spielten wir zunächst Fußball gegen einige Jungs aus dem Barrio. In unserem Team das Geburtstagskind, ein Freund, zwei Amis und ich. Die Jungs waren sich so sicher zu gewinnen, dass sie um einen Dollar pro Kopf spielen wollten. Nachdem wir 2:0 in Führung gegangen waren, wechselten sie nach und nach die besseren Spieler ein und gingen mit teilweise sehr grenzwertigen Toren 3:2 in Führung. Damit fehlte nur noch ein Tor zum Sieg. Doch wir mobilisierten noch einmal die letzten Gringo-Kräfte und erzielten den Ausgleich. Unser Siegtor kurz darauf wollten sie dann allerdings nich anerkennen. Nachdem wir ihnen mitgeteilt hatten, dass wir die Wettschulden nicht eintreiben wollen, war das Tor dann auf einen Schlag schön herausgespielt und alle zufrieden. Echter Sportsgeist also. Aber nachdem ich diese Woche erfahren habe, dass die allgemeine Begeisterung für die ecuadorianische Variante des Volleyballs, bei dem ein Fußball, drei gegen drei über ein drei Meter hohes Netz beinahe gefangen und geworfen werden darf, eher der allgemeinen Gewinnspielsucht, statt Sportbegeisterung geschuldet ist, wunderte mich das auch nicht mehr. Bei den Ecua-Volleyballspielen geht es selbst in den ärmsten Dörfern um 10 Dollar pro Kopf. Nicht selten sind aber weitaus höhere Summen im Spiel. Dementsprechende ehrgeizig wird auch gespielt.

Den Abend verbrachten wir mit Trinkspielen in der Billardkneipe, in der wir auch schon vor der Gemeindehallenparty unsere Zeit verbracht haben.

Unter der Woche schrieb ich an meiner Magisterarbeit, führte mein erstes Interview mit einem Professor, der sich auf lateinamerikanische Integration spezialisiert hat und unterrichtete wieder im Amazonas. Dieses Mal allerdings nur einen Tag, weil mir der Programmkoordinator am zweiten Tag das Folgeprogramm zeigen wollte. Dabei wird den Absolventen ein Preisgeld von 1000 Dollar für das beste Start-Up-Projekt angeboten. Sie haben in den nächsten zwei Monaten Zeit, beispielsweise Konzepte für eine Snack-Bar, ein touristisches Sportfischunternehmen oder einen Hektar Agrarnutzfläche zu entwerfen. Es wird sicher sehr spannend, zu beobachten, wie sich die Projekte entwickeln.

Unabhängigkeitstag in Guayaquil

Donnerstagabend wartete ich dann am Drogenkontrollpunkt im Amazonas auf den Bus Richtung Quito, von wo es dann weiter nach Guayaquil und an den Strand ging. Während ich an der Kontrolle wartete, die verhindern soll, dass FARC-Drogen in Richtung Quito und Küste gelangen, überlegte ich mir, ob ich mich aufgrund der massiven Maschinengewehrpräsenz sicherer oder unsicherer fühlen sollte. Aber zumindest war die Warterei dank der Drogenkontrollen nicht langweilig. 


In Quito traf ich dann den Rest meiner schon eingespielten Reisegruppe. Wir hatten uns entschlossen, in einen Fischerort zu fahren, der nicht im Reiseführer stand. Dort angekommen gab es zwar Hostels, aber diese waren entweder voll oder überteuert. Außerdem war der Ort zwar spannend, aber baden hätte man im versifften Hafen eher nicht können. Somit fuhren wir zurück in den Touristenort Playas und machten uns dort einen gemütlichen Strandtag mit Fisch, Hummer und Bier.



Am nächsten Morgen fuhren wir dann weiter nach Guayaquil, um den 190. Jahrestag der Unabhängigkeit der größten Stadt Ecuadors zu feiern. Am Mittag feierten die Guayas ihre Unabhängigkeit mit einer Parade, die im Wesentlichen nur aus Cheerleadern und Marschkapellen bestand. 


Im Anschluss schauten wir uns ein vom Reiseführer als Potemkinsches Dorf bezeichnetes renoviertes Barrio an. Nach den Höhepunkten der Unabhängigkeitsfeiern, einem Feuerwerk und einem Konzert, kehrten wir in das zu diesem Zeitpunkt extrem überfüllte Barrio zurück. Wieder einmal wurde mir sehr anschaulich demonstriert, dass persönlicher Raum in Ecuador anders definiert wird als in Deutschland. Und so musste ich mich nicht wirklich viel bewegen, sondern wurde eher die Treppe nach oben geschoben, auch wenn es gerade keinen Anlass zu drängeln gab.
Überraschenderweise wurden im Barrio die Vorschriften über die Höchstzahl an Gästen eingehalten, so dass wir kein Lokal fanden, dass uns Einlass gewährte. Wir zogen deshalb weiter in die Zona Rosa und in eine Bar, in der eine weniger talentierte Sängerin, ein weniger zahlreich erschienenes Publikum zu unterhalten versuchte.





Sonntags besuchten wir den Parque Simon Bolivar, in dem Iguanas leben. 







Kurz darauf saßen wir auch schon wieder im Bus und schwitzten uns zurück in die kühlen Berge.






Nachdem ich mich mit meinem Professor endlich auf eine Hypothese meiner Magisterarbeit geeinigt hatte, fuhr ich wieder in den Amazonas, um zu unterrichten. Und nachdem ich befürchtet hatte, dass sich langsam Normalität in meinem Leben breit machen würde, wurde ich den ganzen Tag wieder daran erinnert, dass ich in einem Entwicklungsland bin. Zuerst kam ich zu spät zum Unterricht, da der Bus aus unerfindlichen Gründen wesentlich länger brauchte als in den letzten Wochen. Da der Unterricht hier allerdings nie pünktlich beginnt, war das kein Problem. Geplant war, Verben und ihre Vergangenheitsformen zu üben. 
Da allerdings nur eines der Lichter im Klassenzimmer funktionierte und damit, ausnahmsweise nicht wegen meiner schlechten Handschrift, keiner lesen konnte, was ich an die Tafel schrieb, musste ich improvisieren. Und so erzählte ich im Kerzenschein meine Lebensgeschichte auf englisch und fragte sie anschließend, wie viel sie verstanden hatten. Im Anschluss fehlte dann der Pick-Up, der uns normalerweise zurück in den Ort bringt, wo ich untergebracht bin. Wir nahmen also den Bus Richtung Quito bis zur nächsten Kreuzung. Von dort machten wir uns auf den fünf Kilometer langen Fußmarsch Richtung Baeza, vor dem uns glücklicherweise ein vorbeikommender Pick-Up nach dem ersten Kilometer erlöste. Zuhause angekommen, stellten wir fest, das mein Zimmer abgeschlossen war und da das Zimmer nicht ihm gehört, hatte David auch keinen Schlüssel. Somit teilten wir uns sein 80 Zentimeter breites Bett für eine Nacht.

Nach einer Nacht, die nicht gerade als die erholsamste in meiner Biografie erscheinen wird, traf ich mich früh am Morgen mit einem meiner Schüler, der mir einen Wasserfall zeigen und Englisch mit mir üben wollte. Luis ist 25, ist seit vier Jahren verheiratet und hat zwei Söhne. Er ist überzeugter Anhänger des Präsidenten Correa und fuhr deshalb am Chaos-Donnerstag nach Quito, um in den Straßen die „Bürgerliche Revolution“ zu verteidigen. Das wusste ich bis dahin, später erfuhr ich allerdings noch wesentlich mehr.
Auf seinem Motorrad machten wir uns auf den Weg zu einem sehr untouristischen Wasserfall. Aber beim bloßen Anschauen sollte es nicht bleiben und so rächte sich später noch die Tatsache, dass ich nicht für mehrere Tage oder einen Trekkingausflug gepackt hatte und aufgrund der für den Abend geplanten Rückkehr nach Quito mein Handy, meine Kamera, meinen MP3-Player und mein Netbook dabei hatte.
Am sehr zahmen „Rio Loco“ machten wir das nächste Mal Halt. Luis versteckte sein Motorrad und wir begannen den Fluß entlang zu laufen. Es wurde immer schwieriger, mich und meinen Rucksack trocken zu halten. 



Nachdem der mit Luis befreundete Besitzer des Grundstücks uns eingeholt und wir eingesehen hatten, dass es nicht trocken weiter gehen würde, ließen wir den Großteil unseres Gepäcks zurück, um mit einem Seil und Stämmen den Fluß zu überqueren. Aus Ermangelung einer Tüte zweckentfremdete ich ein Kondom für meine Kamera und hoffte auf mein Glück des Dummen. 




Im Anschluss kletterten, rutschten und schwammen wir bis zu einem Wasserfall, den Luis Freund, der auf den Spitznamen „Mario Loco“ hört, als „Naturrutsche“ bezeichnet. In einer Verengung des Flusses rutscht man entlang, bis man mit dem Wasserfall vier Meter in die Tiefe stürzt. Dafür allein hatte sich die Kletterei gelohnt.

Nachdem wir und meine Kamera den Abstieg überlebt hatten, lud uns Mario zum Mittagessen ein und ich kam hoffentlich zum ersten und letzten Mal in den Genuss von Schweinehaut. 
Im Anschluss zeigte mir Luis sein Zuhause. Zusätzlich zum Englischunterricht, den er am Wochenende gibt, hat er dort eine kleine Hühnerfarm aufgebaut, mit der er sich 250 Dollar im Monat dazu verdient. 
Den ganzen Tag hatten wir über das Leben und die Politik in Ecuador diskutiert, jetzt erzählte er mir mehr seiner eigenen Geschichte. Mit 14 Jahren ging er mit seinem Bruder nach Kolumbien, um sich der Rebellengruppe FARC anzuschließen. Vier Jahre pflückte er dort Kokablätter, bis er den doch eher am eigenen Gewinn als der Sache interessierten Guerrilleros entidealisiert den Rücken kehrte. Im Anschluss lebte er in Quito und musste dort schließlich in eine Entzugsklinik, da er kokainabhängig geworden war. Mit 21 heiratete er seine zwei Jahre jüngere Frau und es kehrte Ruhe in sein Leben ein.

Mittlerweile habe ich unzählige Einladungen, mir die verschiedenen Tätigkeiten meiner Schüler anzuschauen, Aber zunächst lasse ich mir von Jorge Luis mehr vom Süden Quitos zeigen. Damit ist auch nach sechs Wochen noch keine Spur von Alltag zu erkennen.


Entonces hasta la próxima!

Erkenntnisse der fünften und sechsten Woche:

- 40 Schüler mit Handschlag oder Wangenkuss zu begrüßen dauert seine Zeit
- der nächste Strandausflug geht an einen schöneren Strand
- chinesisches Essen ist hier so authentisch, dass es sogar dem Singapur-Chinesen schmeckt
- für Guayaquil reichen 24 Stunden
- abergläubisch-religiöse Straßenfeste sind spannender als Unabhängigkeitstage 
- in Ecuador scheinen die Indio-Musikgruppen auszugehen, so dass sie diese aus Deutschland importieren müssen
- auch lange Busfahrten gehen vorbei
- Iguanas sind extrem entspannt
- ich bin immer noch in einem Entwicklungsland
- Kondome sind auch wasserdicht
- Schweinehaut schmeckt, wie es sich anhört
- Dinge gehen hier einfach schneller kaputt: es ist keine drei Wochen her, dass, wegen eines tödlichen Unfalls, über die Hauptstrasse vor der Uni ein sehr gepflegter Fußgängerüberweg gebaut wurde, der jetzt schon wieder ausschaut, als wäre er nie neu gewesen 




1 Kommentar:

  1. Ich moechte anmerken, dass du wohl nicht den "Besitzer", sondern den "Eigentuemer" des Grundstuecks meintest. Ein leider allzuoft vorkommender Fehler unter Laien;-)
    Hoert sich doch sauber an bei dir da drueben!

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